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  • Nick

Ein ganz normaler Sommertag

Ich spazierte gerade auf der befahrradwegten Seite des Eilbekkanal in Richtung Alster hinunter, als ein ohrenbetäubender, nachhallender Knall, der für meine untrainierten Ohren schwer nach Silvesterböller klang, eine ganze weite Welt an Tagträumen aus meinem Kopf heraus ins Nichts pulverisierte.


Es war ein schöner Tag, wärmer und sonniger als dem Herbstbeginn angemessen. Die Sonne schien in dicken Bündeln wie Blumensträuße vom Himmel, und nach kurzem Gehen schon wurde mir endlos heiß davon, wie an einem echten Sommertag.


So schön es im ersten Moment auch war, nochmal die pralle Sonne mit ihren spitzen Schuhen über meine Haut tänzeln zu spüren, bevor der Winter sie bis zum nächsten Frühling aus der Welt radierte, so elend aber war das Gefühl, als meine Arme dann recht fix ganz klamm und klebrig wurden. Fast, wie an einem echten Sommertag.


Das schmuddelige Kanalwasser glänzte in dem Sonnenschein wie das der erfrischendsten Wüstenoase, auch, wenn der flache Grund selbst bei direkter Lichteinstrahlung noch nicht zu erkennen war. Beinahe hatte ich mich schon entschieden, entweder jetzt sofort zur Abkühlung in den Kanal zu tauchen, oder postwendend kehrt zu machen und mich zu Hause abzuduschen, als es plötzlich knallte.


Ein mächtiger Donnerschlag zog rechtsseitig vom Emily-Ruete-Platz zu mir herüber. Bloß ein junger Gauner, dachte ich mir, der den ungenutzten Vorrat vom ausgefallenen letzten Silvester verpulvert. Aber da war keiner. Nur ein Mann saß auf einer der Bänke am Rand des Platzes und lugte verdutzt hinter seinem Buch hervor. Und ein kleiner Junge war da noch, der völlig aufgelöst am anderen Ende des Sandquadrats neben einer Plastiktüte stand. Aber kein Böllergauner.

Es dauerte, bis ein zopfgummitragender Spießer auf den Jungen zugelaufen kam, der bestimmt Oscar oder Karlson hieß, bis ich begriff, dass das, was da neben ihm lag, zwar aus Plastik, aber keine Tüte war: Der Bursche hatte es echt vermocht, seinem Fußball an einem spitzen Stein den Garaus zu machen. Aber der Wumms, den das machte, war wirklich unverhältnismäßig, und so plärrte das Kind fleißig vor sich hin, solange, bis der blonde Mann ihn erreicht und sich über die Schulter geworfen hatte. Den Tatort verließ der jedoch erst, nachdem er den geplatzten Fußball für seine Beschwerdemail an den Hersteller aus mehren Winkeln mit seinem iPhone fotografiert hatte.


Bestimmt ein William, dachte ich mir, als ich in Flussrichtung fort spazierte und das Gefühl genoss, wie sich mein Verstand ganz langsam wieder mit Tagträumen anfüllte. Bis er schließlich fast so voll und unter Druck stand, wie der Fußball es bestimmt war, kurz bevor er platzte.

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Von dem sitzen, lesen, schreiben in Cafés habe ich mich nun weiterentwickelt, bin aufgestiegen zur nächsten Stufe von hoffnungslos romantischen Kulturschaffenden: heute sitze ich im Ansichtsbereich de