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  • Nick

Gewitterschauspiel

Man könnte denken, das Haus, in dem ich wohne, sei 1968 damals nur gebaut worden, damit ich mir heute das Gewitterschauspiel ansehen kann. So perfekt zumindest ist der Blick, den ich von dem Südwest-gewandten Balkon aus darauf habe.


Es ist ein trockenes Gewitter, nicht mal etwas nieseln tut es. Es ist auch ein stilles Gewitter, ohne jeden Donner. Das heißt, mit Donner, bestimmt, aber ohne, dass ich ihn hören kann. Also ist es eigentlich überhaupt kein Gewitter? Doch nun blitzt es eben mit solch einer Macht und von so einer Dauer und Regelmäßigkeit, dass ich mich, selbst wenn, im Grunde genommen ganz wohl damit fühle, es einfach trotzdem mal so zu nennen.


Also ein trockenes, ein stilles, ein rein visuelles Gewitter. Ein Gewitterschauspiel könnte man vielleicht sagen.


Manchmal flackert es nur ganz leicht am Himmel, als hätte jemand weit weg einen Lichtschalter mehrmals schnell an- und ausgeknipst. Doch andere Male schlägt ein Blitz von solcher Kraft und Farbintensität über den Himmel, dass er mich an die Lichtschwerter aus Star Wars erinnert. Dazu ein jedes Mal keinen Mucks zu vernehmen grenzt an Gaslighting.


Wenn es dunkel war, dann habe ich bisher eigentlich immer gedacht, der Himmel sei oben entweder klar oder, wenn nicht, dann von einer einzigen, riesengroßen Wolke bedeckt. Doch nun sah ich mit jedem Schlag, dass dieselbe Art von Wolken wie immer, natürlich, sich auch am dunklen Himmel tummelt.


Einmal konnte ich die Form einer einzelnen Wolke in etwa ausmachen, und ich versuchte mir zu merken, wo sie war, nachdem der Himmel wieder zu einer dunklen und damit für mein Auge homogenen Masse wurde. Und auch wenn der nächste Blitz nur wenige Sekunden auf sich warten ließ, hatten sich die Wolken in der Zwischenzeit so verschoben, dass ich die Eine nicht mehr ausmachen konnte.


Und so sitze ich hier nun auf dem Balkon und esse meine Reispfanne, während ich dem Gewitterschaupiel bei seinem Treiben beiwohne. Der Wind nimmt langsam zu und das Blitzlichtpanorama wird immer breiter. Gerade konnte man mit spitzen Ohren den ersten Donner vernehmen, und nur ein paar Momente später fallen schon die ersten Regentropfen.


Und dann schüttet es wie aus Kübeln. Ein albtraumhaftes Donnergrollen jagt das nächste, und das richtige, das echte Gewitter hat es endlich bis vor meine Tür geschafft.


Kein Schauspiel mehr.


Nein, daran ist nichts nachgemacht.

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Von dem sitzen, lesen, schreiben in Cafés habe ich mich nun weiterentwickelt, bin aufgestiegen zur nächsten Stufe von hoffnungslos romantischen Kulturschaffenden: heute sitze ich im Ansichtsbereich de